Montag, 2. Juni 2008

Vacaciones

Habe ich schon einmal erwähnt, dass Nicaragua wirklich wunderwunderschön ist? In der letzten Woche durfte ich eine ganz andere Seite dieses Landes entdecken. Mit Claudia und Hannes ging es nämlich an die Atlantikküste Nicaraguas. Eine Reise in eine andere Welt, in ein anderes Land.

Unsere Reiseroute: Mit dem Bus nach El Rama - im Schnellboot auf dem Rio Escondido nach Bluefields - mit dem Flieger auf Big Corn Island - mit einem weiteren Schnellboot nach Little Corn Island. Die Anreise war ein wenig anstrengend, weil der Bus um 3 Uhr Nachts in El Rama ankommt, man dort dann drei Stunden auf das Boot warten kann, das dann noch einmal zwei Stunden nach Bluefields braucht. Aber die Fahrt hat sich ausgezahlt, weil sie einen sanften Übergang in diese andere Welt ermöglicht. Bluefields ist bunt, lebendig und laut. Die Architektur verwandelt sich vom spanischen Kolonialstil in englische Bauweise, weil die Atlantikküste in der Kolonialzeit von den Briten (und von Piraten) beherrscht wurde, die Sprache verwandelt sich von Spanisch in kreolisches Englisch und die Hautfarbe der Bewohner wird deutlich dünkler.

Nach langen Verhandlungen konnten wir uns am Montag ein Boot mieten, mit dem wir nach Rama Cay, die größte Siedlung des indigenen Volkes Rama, gebracht wurden. Mich fasziniert diese Lebensweise mitten im Wasser sehr (wie schon bei dem schwimmenden Dorf in Thailand in der Phang Na-Bucht). Auf dieser Insel leben ca. 100 Familien auf engstem Raum. Die Leute waren extrem freundlich und offen. Trotz der sehr einfachen und eher ärmlichen Behausungen hinterließ diese Gemeinschaft, die übrigens völlig autonom von Rest Nicaragua lebt und Entscheidungen trifft, bei uns einen sehr idyllischen Eindruck. Auch wenn auch dieses Stück Erde nicht von Problemen wie Drogensucht von Jugendlichen etc. verschont wird, wie uns ein Bewohner berichtete.

Am Nachmittag setzten wir per Flugzeug (weil die Fähre leider erst am Mittwoch gefahren wäre) nach Big Corn Island über. Da der Flug unnötigerweise eine Stunde Verspätung hatte, war auch schon das Boot nach Little Corn Island weg. Notgedrungen verbrachten wir eine Nacht auf der größeren der beiden Karibikinseln. Da noch dazu das Wetter anhaltend schlecht war, musste uns reichlich Alkohol trösten, was ihm auch gelungen ist ;-)

Und am nächsten Tag endlich nach Little Corn. Auf der Überfahrt erwischte uns ein ordentlicher Regenguss – nicht gerade der freundlichste Empfang für ein kleines, karibisches Inselparadies. Paradiesisch wurde es dann aber dennoch: Kleine Hütte mit Hängematte direkt am Strand, Palmen, weißer Sand, türkises Meer und sonst gar nichts. Keine Discos, keine Bars, kein Massentourismus. Man kann einfach gar nichts anderes machen, als nichts. Wolken und Regen haben uns nicht davon abgehalten uns völlig zu entspannen. Tauchen war meine einzige Aktivität in diesen vier Tagen. Die Sicht war mies, aber reichte aus, um wunderschöne Stachelrochen und einiges an bunten Fischen zu sehen. Zurück nach Managua ging es dann mit einem superkleinen Miniflugzeug. Ein beeindruckender Flug über das ganze Land, das wirklich zum Großteil nur aus grüner Unendlichkeit besteht. Granada, Mombacho, Isla de Omnetepe – das alles konnte man von oben aus wunderbar betrachten.

Es gibt einfach noch so viel zu entdecken hier. Meine restlichen drei Monate werden wohl nicht dafür ausreichen alles zu sehen. Schließlich gibt es Arbeit ja auch noch ;-)


Sonntag, 18. Mai 2008

Regen


Das Warten hat ein Ende. Es regnet! Und wie! Die ganze Stadt war innerhalb von wenigen Minuten komplett unter Wasser. Da sollte man definitiv nicht auf der Straße sein. Ach ja, und der Streik ist zum Glück auch zu Ende. Endlich kann man sich wieder frei bewegen, wohin man will.

Dienstag, 13. Mai 2008

Warten

"Warten" heißt dieses Posting, weil wir hier wirklich schon ein bisschen sehnsüchtig auf den Regen warten, den es ja eigentlich schon längst geben sollte, weil die Regenzeit ja eigentlich im Mai anfängt. Es ist jeden Tag total schwül, aber es kommt keine Abkühlung. Wenigstens hat daher das große Moskito-Festessen noch nicht eingesetzt. Die lassen uns derzeit noch mehr oder weniger in Ruhe.

"Warten" müssen hier in Nicaragua derzeit auch tausende Menschen, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Grund dafür ist der Streik der Bus- und Taxiunternehmen, der seit eineinhalb Wochen das ganze Land lahmlegt. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Polizei, die eigentlich die Streikenden unterstützt (und saftige Strafen von den Taxifahrern kassiert, die trotzdem fahren wollen). Für mich ist das ein bisschen nervig, weil ich nicht nach Managua kann, um mir zum Beispiel eine Ausstellung anzusehen, die mich interessiert hätte. Und Lösung des Problems ist nicht in Sicht. Gefordert wird eine Senkung des Spritpreises, der wie überall auf der Welt ständig steigt. Nur hat die Regierung auch nicht wirklich Geld (außer das, was in ihre privaten Taschen fließt). Naja. Abwarten.

Wartezeit kann man sich u.a. damit versüßen, an den Strand zu fahren, wo ich vorletztes Wochenende war. Claudia und ich sind mit ihren Kollegen aus dem Forschungsinstitut per Auto nach San Juan del Sur gefahren. Der Ort selbst ist touristisch, nett, jedoch ist das Meer total ekelhaft dort. Ein paar Kilometer weiter sind dann aber die absoluten Traumstrände.

Und wenn einem fad ist, begleitet man zum Beispiel den Jonathan zum Frisör und so schnell kann man gar nicht schauen und schon sind auch die eigenen Haare auch um ein ganzes Stück kürzer. Was angesichts der Hitze eigentlich eh eine gute Idee ist.

Sonntag, 27. April 2008

Schöne Seiten

Zurück zu den schönen Seiten des Lebens hier. Davon gibt es nämlich reichlich! Eigentlich ist recht viel passiert die letzte Woche. Daher ein kurzer Überblick: Freitag vor einer Woche haben wir den Geburtstag von Claudia bei uns gefeiert. Eine echt gelungene Party mit Piñata, zuckersüßer Torte, Rum und netten Leuten. Eine Piñata ist übrigens ein mit Süßigkeiten gefülltes Dings, das vom Geburtstagskind zerschlagen werden muss. Allerdings sieht das Geburtstagskind dabei nichts und die Piñata wird gemeinerweise auch noch bewegt. Claudia hat sich bzw. die Piñata tapfer geschlagen und für viel Heiterkeit gesorgt ;-)

Letzten Sonntag dann ging es nach Masaya. Zunächst auf den riesigen, chaotischen und unübersichtlichen Markt und dann auf den Vulkan Masaya. Im Gegensatz zum Mombacho ist der aktiv und das ist einfach schon sehr beeindruckend. Wir haben die Nachttour gemacht samt Begegnungen mit Fledermäusen und anderem Getier. Und die glühend-rote Lava in der Nacht leuchten zu sehen, ist ein unvergessliches Erlebnis (aber auch ein Erlebnis, das man leider nicht auf Fotos bannen kann).

Am Montag hab ich es zum ersten Mal so richtig nach Managua geschafft. Jonathan und seine Trompete hatten nämlich einen Auftritt bei der jährlichen Woche der klassischen Musik und das darf man sich natürlich nicht entgehen lassen. Ich bin ein bisschen früher nach Managua gefahren, um mir die "Sehenswürdigkeiten" anzuschauen. Es sagt sehr viel über den Zustand eine Landes aus, wenn die Hauptstadt kein Zentrum hat und die wichtigsten Bauwerke (wie Nationaltheater, Nationalpalast, Nationalmuseum, etc...) auf einem verwahrlosten Platz stehen, wo es mit Einbruch der Dunkelheit sofort gefährlich wird. Dieser Platz liegt eigentlich total schön direkt am Managua-See, doch die Seepromenade namens Malecón hat mit ihrem kubanischen Namensvetter wirklich gar nichts gemein. Irgendwie hat es mir trotzdem dort gefallen. Managua hatte übrigens bis 1972 ein angeblich sehr schönes Zentrum. Doch ein schweres Erdbeben hat alles zerstört, dann kam der Bürgerkrieg und seither fehlt wahrscheinlich einfach das Geld.

Das Konzert im kleineren Saal des Nationaltheaters war schön und die Mischung der Musikstücke hat mir total gut gefallen. Und wir (Claudia, Mira und ich) waren sehr stolz auf unseren trompetenden Kollegen ;-) Claudia und ich haben dann in Managua bei Thomas und Jens (zwei deutschen Zivildienern) übernachtet und sie am nächsten Tag zu ihren Projekten begleitet. Für mich eigentlich ein bisheriger Höhepunkt meiner Zeit hier. Thomas arbeitet nämlich für den Bücherbus und die dazugehörige Bibliothek. Das Projekt, das mir ja im Internet bei meiner Suche nach Arbeitsmöglichkeiten in Lateinamerika gleich zweimal begegnet ist. Das Projekt, das schon beim ersten Mal darüber lesen mein Herz höher schlagen ließ. Das Projekt, das mich zu Pan y Arte gebracht hat. Mein Lieblingsprojekt, der Grund warum ich hier bin. Ich muss zugeben, ich war schon ein wenig gerührt. Was aber auch die vielen Bücher um mich herum ausgelöst haben könnten. Ich liebe Bücher einfach. Und ihre Anwesenheit macht mich glücklich und aufgeregt. In der Bibliothek haben jeden Tag dutzende Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, sich Bücher auszuborgen und zu lesen. Außerdem gibt es den Bücherbus, der in die Dörfer und zu Gefängnissen fährt, um auch dort die Möglichkeit zu lesen zu eröffnen. Ein unheimlich wichtiges Projekt in einem Land, in dem fast 50 Prozent der Bevölkerung kaum oder nicht lesen können und wo es selbst in der Hauptstadt gerade einmal zwei Büchergeschäfte gibt. Wir haben uns auch mit Elisabeth Zilz, der Gründerin dieses außergewöhnlichen Projekts, unterhalten. Ich muss unbedingt noch einmal hin. Gleich daneben arbeitet Jens bei "Música en los Barrios", einem weiteren tollen Projekt, das auch von Pan y Arte gefördert wird. Hier wird Kindern in den Barrios von Managua Musikunterricht gegeben.

Am Mittwoch bin ich dann wieder nach Managua zu einem weiteren Konzert gefahren. Diesmal im großen Saal. Abgesehen davon, dass alles auf ca. 16 Grad runtergekühlt war und es in Nicaragua anscheinend nicht üblich ist, das Handy bei einem Konzert abzudrehen, war auch das wieder ein schönes Erblebnis.

Meine kulturell äußerst anspruchsvolle Woche war damit aber noch nicht vorbei. Am Freitag fand dann auch noch ein Gitarrenkonzert in der Casa statt, bei dem ich fotografieren musste. Drei Konzerte in einer Woche! Das hab in Wien ja in einem Jahr nicht geschafft...

Gestern, Samstag, hatten wir hier wieder Party, weil uns die Mira leider am Mittwoch verlässt und nochmal alle sehen wollte. Unsere Wohnung war voller Zivildiener aus verschiedenen Ecken Nicaraguas. Wir waren alle zusammen weg und hatten ordentlich Spaß.

So und als letztes muss ich noch berichten, dass ich mir heute ein Fahrrad gekauft habe. Juchu! Endlich mobil!

Dienstag, 22. April 2008

Armut

Meine Beschreibungen und Fotos machen manche von euch sicher neidisch oder sehnsüchtig und lassen euch glauben, dass die Zustände in Nicaragua gar nicht so schlimm sind. Aber Tatsache ist, dass das Land das zweitärmste in ganz Lateinamerika ist und die Armut ist jeden Tag spürbar, greifbar, nicht zu übersehen. Die überwiegende Mehrheit kämpft um Verbesserung ihrer Situation und behält die Würde. Doch auf der Straße wird man jeden Meter angebettelt, von Kindern, alten Menschen, auch auf den ersten Blick gut angezogenen Menschen. Oder sie wollen dir etwas verkaufen: Kaugummis, Wasser, Souvenirs, ... Aber es kommen euch Leute in die Casa und man unterhält sich zunächst normal und freundlich und dann folgt schon die Frage: "Kannst du mir helfen? Ich brauche Geld für...." Und wenn man dann hilft, z.b. eine Frau mit Unterleibsschmerzen zum Ultraschall begleitet und ihr die Untersuchung zahlt, dann versucht sie auch noch, einen um das Wechselgeld zu betrügen. Es ist leider der Punkt erreicht, wo ich einfach keinem mehr was geben werde. Ich bin in diesem Land, um zu helfen und nicht als Geldquelle. Ich habe dafür meinen Job stillgelegt und lebe von meinen Ersparnissen. Trotzdem habe ich natürlich noch immer viel viel mehr als die meisten hier und bin abgesichert. Das schlechte Gewissen ist mein ständiger Begleiter...

Donnerstag, 17. April 2008

noticias

Noticias (Neuigkeiten) gibt es eigentlich nicht wirklich. War in den letzten Tagen fleissig am Arbeiten. Und wer sich jetzt fragt, was ich den ganzen lieben langen Tag so arbeite, dem sei gesagt: Ich habe wirklich was zu tun. Zum Beispiel schreibe ich gerade an den noticias für Pan y Arte. Das ist quasi ein Artikel über ein ausgewähltes Projekt, mit dem Interessierte und Spender über die Arbeit in Nicaragua informiert werden. Dieses Mal geht es über die Casa de los Tres Mundos selbst und all die wunderbaren Aktivitäten, die in ihr stattfinden.

Ich beschreibe quasi einen Tag im Leben dieses altehrwürdigen Gebäudes. Habe ein wenig recherchieren müssen, mich mit Schülern und Lehren unterhalten, den Kulturdirektor interviewt usw. Es ist wirklich faszinierend, so tief in die interessante Geschichte und Architektur der Casa einzutauchen. Hier ein kurzer Abriss für die ebenfalls Interessierten unter euch: Erbaut wurde die Casa von der Familie Don Juan Vásquez de Coronado im Kolonialstil des 16. Jahrhunderts. Herr Vásquez de Coronado war seines Zeichens der erste Gouverneur von Costa Rica und gründete dort die erste spanische Stadt. Schriftlich erwähnt wurde das Haus erstmals 1771. Das Steinportal am Eingang ist einzigartig in ganz Nicaragua. Das Wappen der Familie und zwei Löwen stechen einem sofort ins Auge. Deshalb heisst die Casa eigentlicha auch "Casa de los Leones". Das Portal ist der einzige Teil des Hauses, der stehen blieb, als William Walker (wer das ist, bitte selbst googeln) 1856 die ganze Stadt Granada in Brand setzte. Danach war im Gebäude das Stadttheater untergebracht. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Casa von der Familie Don Julio Cardenal Argüello restauriert und durch eine neoklassizistische Fassade und ein Stockwerk erweitert (in dem ich jetzt wohnen darf!!). Der österreichische Schauspieler Dietmar Schönherr und der nicaraguanische Dichter Ernesto Cardenal gründeten 1987 die "Fundacion Casa de los Tres Mundos" und kauften das fast völlig verfallene Gebäude den Erben ab. Die Restaurierung war dementsprechend aufwändig, es wurde aber versucht, so detailgetreu wie möglich und unter Anwendung nahezu vergessener Originalbauweisen zu arbeiten. Und seit 1992 wird das Haus von Leben und Lachen, von Musik und Magie erfüllt...

Hoffe, das hat euch jetzt nicht gelangweilt. Daher doch noch interessante Neuigkeiten aus meinem Leben hier: Ich war extra in dem wunderschönen Bergdorf namens Catarina um Pflanzen für die Terrasse zu kaufen. Ich war begeistert. Erstens hat man von dort oben einen wundervollen Blick über die Laguna de Apoyo und zweitens kosten dort die wundervollsten Pflanzen so gut wie gar nichts. Gerade mal einen Euro und noch ein bisschen was hab ich für fünf gar nicht so kleine Pflanzen ausgegeben. Leider konnte ich nicht mehr tragen, obwohl ich auch noch Jeaninna dabei hatte. Mit ihr bin ich eine sehr erfolgreiche Symbiose eingegangen: Ich übe mit ihr Deutsch und sie mit mir Spanisch.

Mehr gibt es nun aber wirklich nicht zu berichten. Ach doch: Heute waren Claudia und ich mit Oscar und Manuel, den beiden Hausgehilfen, auf dem Dach. Was für ein Blick!